Speiseabfallmessung in der JVA Oldenburg zeigt, wie Nassmüll-KPIs Küchenprozesse transparenter machen
Kurz nach Arbeitsbeginn laufen in der Küche der JVA Oldenburg die ersten Vorbereitungen für den Tag. Für mehr als 300 Menschen müssen täglich Mahlzeiten geplant, gekocht und ausgegeben werden. Dabei geht es nicht nur darum, dass am Ende genug Essen vorhanden ist. Unterschiedliche Kostformen müssen berücksichtigt werden, vegetarische Gerichte gehören regelmäßig dazu, und auch religiöse oder gesundheitliche Anforderungen spielen in der Verpflegung eine Rolle.
Von außen betrachtet ist das ein eingespielter Küchenalltag. Doch gerade in solchen Einrichtungen lohnt sich der zweite Blick. Denn auch dort, wo Abläufe gut organisiert sind, bleibt oft eine einfache Frage offen: Welche Lebensmittel werden am Ende wirklich gegessen und welche landen in der Tonne?
Genau an dieser Stelle setzt die Speiseabfallmessung an, die die JVA Oldenburg gemeinsam mit dem Projekt eat, dem Ernährungsrat Oldenburg und Green Guides gestartet hat. Die Messung soll sichtbar machen, wo Lebensmittelverluste entstehen und welche Rückschlüsse sich daraus für den Küchenalltag ziehen lassen.
| Die Speiseabfalltonne zeigt oft genauer als viele Auswertungen, wo Küchenprozesse gut laufen und wo Lebensmittel unbemerkt verloren gehen. |
Wenn die Tonne Hinweise auf den Alltag gibt
In vielen Küchen ist sehr genau bekannt, was eingekauft wird. Auch Personaleinsatz, Wareneinsatz und ausgegebene Mahlzeiten werden häufig regelmäßig betrachtet. Beim Speiseabfall ist das anders. Dort bleibt vieles lange eine Schätzung.
Dabei zeigen die Reste am Ende eines Tages oft sehr konkret, wo es sich lohnt, genauer hinzusehen. Wurde an bestimmten Tagen zu viel vorbereitet? Bleiben einzelne Komponenten häufiger übrig? Sind Portionsgrößen passend gewählt? Oder verändert sich die Nachfrage stärker, als es in der Planung sichtbar wird?
Solche Fragen lassen sich nicht zuverlässig aus dem Bauch heraus beantworten. Küchenleitungen kennen ihre Abläufe sehr gut. Aber der Alltag ist schnell, vieles läuft parallel, und nicht jede Abweichung fällt sofort auf. Eine Nassmüll-KPI hilft, diese Beobachtungen greifbarer zu machen. Sie zeigt, wie viele Lebensmittel im Verhältnis zu den ausgegebenen Mahlzeiten verloren gehen.
So wird Speiseabfall Schritt für Schritt zu einer Zahl, mit der Küchen arbeiten können.
Warum die JVA Oldenburg dafür ein gutes Beispiel ist
Justizvollzugsanstalten haben besondere Rahmenbedingungen. Abläufe müssen verlässlich sein, Zuständigkeiten sind klar geregelt, und Veränderungen lassen sich nicht beliebig spontan umsetzen. Gleichzeitig versorgt die Küche täglich viele Menschen und muss dabei Qualität, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit im Blick behalten.
Gerade deshalb ist die Teilnahme der JVA Oldenburg ein besonderer Blick wert. Die Einrichtung nutzt die Messung nicht als symbolisches Nachhaltigkeitsprojekt, sondern als Möglichkeit, den eigenen Küchenalltag besser zu verstehen.
| „Nachhaltigkeit beschäftigt uns schon lange. Die Teilnahme an der Speiseabfallmessung ist deshalb ein konsequenter nächster Schritt. Wir möchten unsere Prozesse noch besser verstehen und sehen darin großes Potenzial – sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich.“ Thomas Völge, Fachbereichsleiter Finanzen, Versorgung und Bau der JVA Oldenburg |
Das ist ein wichtiger Punkt. Denn Speiseabfallmessung bedeutet zunächst zusätzlichen Aufwand. Die Küche muss erfassen, dokumentieren und mit den Ergebnissen arbeiten. Der Nutzen entsteht erst dann, wenn aus den Daten ein besseres Verständnis für den eigenen Betrieb wird.
Warum Nassmüll-KPIs mehr können als Food Waste messen
Der Begriff Food Waste klingt oft nach einem Thema für Nachhaltigkeitsberichte. Im Küchenalltag geht es aber um sehr praktische Fragen. Wie viel wurde vorbereitet? Was kam zurück? Welche Gerichte wurden gut angenommen? Wo entstehen regelmäßig Reste?
Eine Nassmüll-KPI bringt diese Fragen in eine Form, mit der Küchenleitungen arbeiten können. Sie macht Entwicklungen sichtbar, ohne einzelne Tage überzubewerten. Und sie hilft, Gespräche sachlicher zu führen. Nicht als Vorwurf, sondern als Anlass, gemeinsam auf die Abläufe zu schauen.
Das verändert die Perspektive. Speiseabfälle werden nicht mehr nur am Ende entsorgt. Sie geben Hinweise darauf, wo im Küchenalltag etwas genauer betrachtet werden sollte.
| „Wenn wir mehr regionale Lebensmittel in die Gemeinschaftsverpflegung bringen wollen, müssen wir gleichzeitig dafür sorgen, dass weniger davon verloren geht. Jede vermiedene Tonne Lebensmittelabfall spart Ressourcen, vermeidet unnötige Emissionen und hilft dabei, die Ziele einer nachhaltigen Ernährungsstrategie in der Region zu erreichen. Genau deshalb ist die Speiseabfallmessung für uns ein so wichtiger Baustein.“ Tina Wagner-Hinderlich, Ernährungsrat Oldenburg / Projekt eat |
Was Oldenburg und die Wesermarsch daraus lernen können
Dass die Messungen in so unterschiedlichen Einrichtungen stattfinden, ist für Oldenburg und die Wesermarsch besonders interessant. Die Projekte liefern keine einfache Blaupause, die überall gleich funktioniert. Dafür sind Schulen, Krankenhaus und JVA zu verschieden.
Aber genau darin liegt der Wert. Wenn sich in sehr unterschiedlichen Küchen ähnliche Fragen stellen, spricht viel dafür, dass die Nassmüll-KPI nicht nur ein Projektinstrument ist. Sie kann zu einer festen Kennzahl im Küchenalltag werden.
Für die Gemeinschaftsverpflegung wäre das ein wichtiger Schritt. Denn bisher wird viel über Lebensmittelverschwendung gesprochen, aber deutlich seltener darüber, wie daraus eine regelmäßige Steuerungsgröße wird.
Fazit
Die Speiseabfalltonne erzählt keine perfekte Geschichte über eine Küche. Aber sie gibt Hinweise, die im Alltag leicht übersehen werden.
Wer regelmäßig misst, erkennt Muster. Wer Muster erkennt, kann besser entscheiden. Und wer besser entscheidet, kann Lebensmittel gezielter einsetzen, Kosten senken und zugleich nachhaltiger arbeiten.
Die JVA Oldenburg zeigt mit dem Projekt eat, dass dieser Blick auch in Einrichtungen mit besonderen Rahmenbedingungen möglich ist. Nicht als zusätzlicher Nachhaltigkeitsbaustein neben dem Küchenalltag, sondern als Teil einer besseren Steuerung.
Vielleicht wird genau das in den nächsten Jahren entscheidend: Nassmüll, also Lebensmittelabfall nicht mehr nur als Abfall zu betrachten, sondern als Kennzahl, die Küchen hilft, ihren Alltag besser zu verstehen.
| Infokasten: Warum Ernährungsrat Oldenburg, Projekt eat und Green Guides zusammenarbeiten Der Ernährungsrat Oldenburg engagiert sich im Verbundprojekt eat – gemeinsam regional genießen für eine zukunftsfähige Gemeinschaftsverpflegung in Oldenburg und der Wesermarsch. Ziel ist es, regionale Wertschöpfungsketten zu stärken und mehr regionale Lebensmittel in die Außer-Haus-Verpflegung zu bringen. Das Projekt arbeitet dafür mit Küchen, Erzeugerbetrieben, Bildungseinrichtungen und weiteren Partnern zusammen. Damit regionale Lebensmittel im Küchenalltag gut eingesetzt werden können, braucht es jedoch mehr als gute Absichten. Küchen müssen wissen, welche Mengen tatsächlich benötigt werden, wo Verluste entstehen und welche Abläufe angepasst werden können. Genau hier entsteht die Verbindung zu Green Guides. Im Rahmen des Projekts begleitet Green Guides neben der JVA Oldenburg auch ein Krankenhaus sowie zwei Schulen. Die Einrichtungen unterscheiden sich deutlich. In Schulen hängt der tatsächliche Bedarf oft davon ab, wie viele Kinder an einem Tag mitessen und welche Gerichte akzeptiert werden. Im Krankenhaus verändern unterschiedliche Kostformen und ernährungsphysiologische Anforderungen die Planung. Hinzu kommen Aufnahmen, Entlassungen oder Verlegungen, die Mengen kurzfristig verändern können. In einer JVA ist vieles planbarer, dafür sind Organisation und Abläufe stärker geregelt. Gerade dieser Vergleich ist wertvoll. Er zeigt, dass Speiseabfälle nicht nur in einer bestimmten Art von Einrichtung entstehen. Sie entstehen überall dort, wo täglich entschieden wird, welche Mengen vorbereitet und wie Mahlzeiten ausgegeben werden. |


